9. KAPITEL

Ohne einen Laut von sich zu geben, sank Buffy auf den Bürgersteig und lag reglos da.

Willow starrte ungläubig auf sie herab.

Xander hob das MG und feuerte über die Köpfe der Ungeheuer hinweg. Als sie die Flucht ergriffen, wandte er sich wieder Willow zu, die neben Buffy auf dem Boden kniete und versuchte, sie aus der Bewußtlosigkeit zu wecken.

„Buffy! Geht's dir gut?”

„Was?” flüsterte Buffy.

„Sind Sie verletzt?” fragte Xander.

„Buffy, bist du verletzt?” wiederholte Willow.

Buffy blickte die beiden verständnislos an. „Buffy?”

„Das ist nicht Buffy”, klärte Willow Xander auf.

Der runzelte die Stirn. „Wer ist Buffy?”

„Oh, das kann ja heiter werden”, seufzte Willow. Dann fragte sie Buffy: „Welches Jahr haben wir?”

Buffy dachte einen Augenblick nach. „Siebzehnhundert -fünf und -siebzig, glaube ich. Wer seid ihr?”

Xander half ihr auf die Beine. Willow lächelte ihr beruhigend zu. „Wir sind Freunde”, sagte sie.

„Wessen Freunde?” Buffy war offenbar völlig verzweifelt. „Dein Kleid ist... alles ist so seltsam hier.” In steigender Panik rief sie aus: „Wie bin ich bloß hierhergekommen?”

Willow versuchte sie zu beruhigen. „Okay, atme ganz tief und ruhig, ja? Sonst wirst du wieder ohnmächtig.” Sie warf Xander einen Blick zu. „Wie sollen wir das bloß ohne die Jägerin durchstehen?” Xander starrte sie fragend an. „Was ist denn eine Jägerin?”

In diesem Moment sprang ein Dämon Buffy von hinten an. Die alte Buffy hätte ihn mit einem Schlag erledigt, aber diese neue Buffy kreischte bloß hysterisch und trommelte hilflos mit kraftlosen Fäustchen auf ihn ein. Statt ihr zu Hilfe zu eilen, blieb Willow vor Erstaunen wie angewurzelt stehen. Der Dämon zerrte an Buffys Perücke, die aber zu ihrem eigenen Haar geworden war. Im Eifer des Gefechts löste sich der Knoten, und das Haar fiel in Kaskaden über die nackten Schultern. Schließlich kam Xander Buffy zu Hilfe und schlug so lange mit dem Gewehrkolben auf den Dämonen ein, bis dieser aufgab und das Weite suchte.

Daraufhin wandte sich Xander mit ernster Miene an Willow. „Ich schlage vor, wir gehen in ein Haus, bevor wir noch einem anderen ..."

„Dämon!" kreischte Buffy. „Ein Dämon!"

Kampfbereit fuhren Willow und Xander herum. Aber sie sahen lediglich ein Auto die Straße entlangfahren. Buffy aber sprang förmlich in Xanders Arme und drückte sich an ihn.

„Das ist kein Dämon", versuchte Willow ihr zu erklären. „Das ist ein Auto."

„Was will es denn von uns?" winselte Buffy.

Xander blickte Willow fest in die Augen. „Ist diese Frau verrückt?"

„Sie hat noch nie ein Auto gesehen", erwiderte Willow. „Sie kommt aus der Vergangenheit."

„Und du bist ein Geist."

„Genau. Jetzt laßt uns irgendwo reingehen."

Xander blieb einen Moment nachdenklich stehen. Dann sah er wieder Willow an. „Ich möchte nur, daß du weißt, daß ich das hier nur mache, weil ich dir vertraue", sagte er. „Wohin gehen wir jetzt?"

„Wo ist denn die nächste ..." Willow schüttelte den Kopf, während sie scharf überlegte. „Ah, wir könnten ins Haus einer Freundin gehen."

Kurze Zeit später schoben sie sich durch die Hintertür in Buffys Küche. Xander verriegelte das ganze Haus, dann stellte er sich ans Fenster und hielt Wache. Buffys Blick glitt über Arbeitsflächen und Elektrogeräte. Sie war völlig überwältigt von den geheimnisvollen Dingen, die sich in dieser Behausung befanden.

„Ich glaube, hier sind wir sicher!" verkündete Xander.

„Hallo?" rief Willow laut. „Mrs. Summers?" Und als keiner antwortete: „Gut. Sie ist nicht da."

„Wo sind wir?" fragte Buffy.

„Bei dir", sagte Willow knapp. „Jetzt müssen wir nur noch..."

Mit einem Male wurde heftig an die Haustür geklopft. Erschrocken blieben sie einen Moment reglos stehen, dann schlichen sie langsam weiter, zuerst Xander, dann Willow, und Buffy trödelte hinterher. Im Eßzimmer blieb sie ganz zurück, während Xander und Willow tapfer weitergingen.

„Mach bloß nicht auf!" mahnte Willow.

Xander zögerte. „Es könnte doch ein Zivilist sein."

„Oder ein Minidämon."

Das Klopfen hörte auf.

Sie warteten und lauschten.

Schließlich ging Xander zum Fenster und spähte hinaus. Im Eßzimmer erregte etwas auf dem Kaminsims Buffys Aufmerksamkeit. Sie ging näher, um es anzusehen.

Es war ein Foto. Das Foto einer jungen Frau, die ihr verblüffend ähnlich sah. Buffy nahm es verwirrt vom Kaminsims herunter. Willow trat auf sie zu.

„Das ...", flüsterte Buffy, „das könnte ja ich sein."

„Das bist du", betonte Willow. „Buffy, kannst du dich denn an gar nichts mehr erinnern?"

„Nein, ich ... ich verstehe das alles nicht, und ich ..." Buffy zögerte und sah sich das Foto noch einmal genauer an. „Das muß ein anderes Mädchen sein, ich würde niemals so etwas tragen..." .

Sie begann zu wimmern und murmelte unzusammenhängendes Zeug. Sie war kurz davor, in Tränen ausbrechen. Willow starrte sie ungläubig an.

„Dieses armselige Gewand!" schmollte Buffy. „Und ich mag dieses Haus nicht, und ich mag dich nicht, und ich will jetzt heim\”

„Du bist hier daheim!" wiederholte Willow.

Jetzt brach Buffy endgültig in Tränen aus. Da setzte plötzlich das Klopfen wieder ein. Buffy kreischte auf.

Ihre Hilflosigkeit steckte auch Willow an. „Hättest du dich nicht als Xena verkleiden können?" murmelte sie und eilte zurück zu Xander.

Sie kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie die Hand eines Dämons krachend durch das Fenster fuhr, direkt neben Xanders Kopf. Die Hand griff nach ihm, aber Xander schaffte es gerade noch, zurückzuspringen.

„Das war kein Zivilist", bemerkte Willow.

Xander nickte kurz. „Richtig."

Er hielt den Lauf des MG durch das zerbrochene Fenster nach draußen.

„Hey!" fuhr ihn Willow an. „Was hatten wir beschlossen?"

Xander ignorierte sie. Willow hörte eine laute Maschinengewehrsalve und dann den Dämon davontrampeln.

Xander sah äußerst zufrieden aus. „Großer Lärm verscheucht Monster. Erinnerst du dich?"

„Hab's kapiert."

Plötzlich hörten sie draußen Schreckensschreie. Xander spähte vorsichtig hinaus und spannte alle Muskeln an. Bevor Willow ihn aufhalten konnte, war er aus dem Fenster gesprungen.

„Er wird uns doch nicht im Stich lassen?" rief Buffy völlig aufgelöst.

Willow reichte es jetzt. Sie warf Buffy einen verächtlichen Blick zu, zuckte mit den Achseln und ließ sie stehen.

Draußen in der Dunkelheit hatte Xander die Quelle der schrecklichen Schreie ausgemacht: Es war Cordelia, die auf der Flucht war. Ihre Haare waren aufgelöst, ihr Kostüm zerrissen, und im Gesicht hatte sie Kratzspuren. Einige Meter hinter ihr holte eine riesige haarige Gestalt allmählich auf.

Xander rannte auf die beiden zu. Mitten auf der Straße standen verlassene Autos, und in der Ferne sah man verschwommene Gestalten - die einen jagten, die anderen rannten um ihr Leben. Als Xander Cordelia erreichte, schrie sie auf und versuchte ihn abzuwehren - bis sie erkannte, wer er war.

„Xander?”

„Komm rein!” befahl Xander. Er hatte nicht den leisesten Schimmer, wer dieses Mädchen war.

Er schleppte sie zum Haus, schubste sie hinein und schlug krachend die Tür hinter sich zu.

„Cordelia!” rief Willow aus.

Cordelia blickte sie völlig irritiert an. „Was ist denn hier los?”

„Okay”, beeilte sich Willow zu erklären, „du heißt Cordelia, du bist keine Katze, du gehst auf die High School, und wir sind deine Freunde - na ja, jedenfalls so halb.”

„Das ist ja nett von dir, Willow”, schnitt Cordelia ihr das Wort ab. „Und wann genau bist du durchgedreht?”

Willows Miene hellte sich auf. „Dann kennst du uns also?”

„Blöde Frage. Aber was geht hier eigentlich vor?”

„Hier ist 'ne Menge passiert”, erklärte Willow.

„Übertreib bloß nicht! Ich wurde gerade von JoJo mit dem Hundegesicht angegriffen. Guck dir bloß mein Kostüm an! Glaubst du, Party-Town wird mir mein Pfandgeld zurückgeben? Kann ich mir kaum vorstellen!”

Während sie sich ereiferte, entdeckte sie auf einmal einen Riß an der Seite ihres Raubtiertrikots. Xander hatte ihn offensichtlich auch schon gesehen, denn er zog sofort seine Jacke aus und hüllte sie darin ein.

„Bitte”, sagte er.

Verblüfft starrte Cordelia auf seinen kräftigen Bizeps und auf das Tattoo, das ihr noch nie aufgefallen war. Dann sah sie über den Arm hinweg und merkte, daß Willow auf dieselbe Stelle starrte.

„Danke”, murmelte Cordelia.

Willow versuchte sich wieder auf die drängenden Probleme zu konzentrieren. „Okay. Ihr drei bleibt hier, während ich Hilfe hole. Wenn irgend so ein Viech versucht, hier reinzukommen, müßt ihr einfach kämpfen."

„Aber es ist doch nicht unsere Sache zu kämpfen", widersprach Buffy ängstlich. „Sicher werden ein paar Männer kommen und uns beschützen?"

Cordelia sah sie voller Verachtung an. „Was ist denn das für 'ne neue Masche?".

„Ist so was wie Gedächtnisverlust, klar?" seufzte Willow. „Sie wissen nicht mehr, wer sie sind. Bleib einfach hier und rühr dich nicht vom Fleck."

Sie hatte keine Zeit für lange Erklärungen. Als sie an Cordelia vorbeiflitzte, hörte sie noch ein leises „Wer ist denn bloß gestorben, daß die hier befehlen kann?", dann huschte sie geradewegs durch die Wand.

Sie rannte auf die Straße.

Spike sah sie nicht.

Er stand inmitten des Durcheinanders und hatte seinen langen schwarzen Umhang um sich geschlungen. Sein Gesicht war eine abscheuliche Vampirfratze, doch seine Augen leuchteten hell wie die eines Kindes am Weihnachtsmorgen.

Er grinste und beobachtete alles um sich herum. „Das ist ja richtig .. .

nett."

07 - Die Angel Chroniken 2
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